Tiere machen den Tod individueller

Können Tiere den Menschen das Sterben erleichtern? Die in der Schweiz, Deutschland und Österreich durchgeführte Online-Befragung «Tiere in der Palliative Care» zeigt auf, dass Tiere Ruhe und Frieden in einen Sterbeprozess bringen können. Doch das Sterben mit Tieren ist bisher nur durch die Initiative einzelner Personen möglich.

Tiere haben auf sehr viele Menschen einen positiven Effekt. Sie wirken beruhigend, vermindern Angst, Einsamkeit und Depressionen und geben den Menschen das Gefühl, gebraucht zu werden, zu etwas nutze zu sein. Im Sterbeprozess können sie als Vermittler zwischen Sterbenden, Angehörige und Fachpersonal wirken und so neue Handlungsspielräume schaffen. Und sie eröffnen neue Kommunikationsmöglichkeiten, in dem sie für Gesprächsstoff sorgen, auch am Ende des Lebens: «Menschen neigen dazu, offener zu sprechen, wenn Tiere anwesend sind», erklärt Michaela Thönnes, Doktorandin an der Universität Zürich. Auch lenken Tiere in der Sterbebegleitung die Sterbenden vom Sterben ab: «Einerseits ermöglichen es Tiere, über Dinge des Sterbens zu sprechen, die ohne sie eher nicht angesprochen würden. Auf der anderen Seite schaffen Tiere es, das Sterben vergessen zu machen», führt die Soziologin aus.

Ein Tier macht den Tod individueller
In der Online-Studie wurde häufig erwähnt, dass Tiere  oft «Ruhe» in die Sterbesituation bringen. Sie sind in den letzten Stunden und Tagen ein verlässliches Barometer, sie spüren den Tod oft eher als wir ihn sehen, sie sind der stille Zuhörer, dem sich Sterbende meist intensiver anvertrauen als einem Menschen. Sie sind in ihren Berührungen vorsichtig bis sanft, sie würden nie Schmerz auslösen, sie können mit ihrer Nähe und Zärtlichkeit Belastungssymptome mindern und medikamentösen Einsatz verringern.“

Sie sind wie beste Freunde, sie heitern auf, lenken ab und verstärken die positive Wirkung von Schmerzmitteln. Tiere schaffen Anknüpfungspunkte für Angehörige und Pflegepersonal, was den Tod auch ein wenig individueller macht. Dies geht aus der Online-Befragung «Tiere in der Palliative Care» hervor, welche Michaela Thönnes gemeinsam mit Dr. Nina Jakoby für das Soziologische Institut der Universität Zürich durchführt. Die Umfrage untersucht, ob und wie in der Pflege und medizinischen Versorgung Sterbender in Deutschland, Österreich und der Schweiz Tiere in der Sterbebegleitung eingesetzt werden, warum sie das tun und zu welchen Effekten dies führt.

Die Umfrage zeigt, dass in der Palliative Care vor allem Katzen und Hunde zum Einsatz kommen, gefolgt von Kleintieren, Pferden und Nutztieren. Oft sind es Tiere von Angehörigen, Freunden oder Pflegefachpersonen, die in den Sterbeprozess informell integriert werden. Nur wenige Institutionen setzten Tiere professionell in der Sterbebegleitung ein. Doch dieser Zustand ändert sich langsam: «Die Bereitschaft Tiere in Spitäler, Heimen und Hospizen zu lassen ist immer mehr da, trotz strenger Hygienevorschriften», erzählt Michaela Thönnes. Was früher undenkbar war, werde heute von einigen Institutionen bereits praktiziert, aber eher informell durch die Initiative einzelner Personen. Doch damit Tiere institutionalisiert in den Sterbeprozess von Patienten eingebunden werden können, braucht es ein Umdenken: «Die Institutionen müssten dafür ihre Einstellung zu Tieren ändern und die Gesellschaft muss ihre Vorstellung über das Sterben weiterentwickeln, also ein Bewusstsein schaffen, was Sterben überhaupt ist. Das Sterben als sozialen Prozess sehen», ist Michaela Thönnes überzeugt.

Nicht zuletzt brauchen Tiere auch eine Artgerechte Versorgung und die hygienischen, medizinischen, und personellen Voraussetzungen müssen gegeben sein, was die Heime und Spitäler ebenfalls vor grössere Herausforderungen stellen dürfte.

Wie reagieren die Tiere?
Ein Sterbeprozess fängt dann an, wenn man merkt, dass man nicht mehr gesund werden kann. Tiere helfen in dieser Zeit, Ängste zu überwinden und vermitteln dem Sterbenden ein Gefühl von Autonomie, Kompetenz und Selbstwert. Sie nehmen die Menschen wie sie sind, sind unvoreingenommen, sie werten nicht und sind reagieren auch nicht auf den körperlichen Zerfall, der mit dem Tod einhergeht. Und sie bestätigen mit ihrer Interaktion, wer wir sind und was wir tun. Sie senken die Herzschlagfrequenz und den Blutdruck, sobald sie betrachtet oder berührt werden, so dass man dem Tod unter Umständen gefasster entgegentreten kann. «Tiere aktivieren unsere Ressourcen, weil wir ihnen Gesellschaft leisten müssen», erklärt Michaela Thönnes. Gerade zu Beginn des Sterbeprozesses kann dies sehr wertvoll und motivierend sein. Das gelte aber nicht für alle Menschen: «Tiere können keine Wunder bewirken und ihre Begleitung ist auch nicht immer erwünscht», betont Thönnes. Und wie reagieren eigentlich die pelzigen Vierbeiner? «Sehr unterschiedlich. Häufig treten sie als Beschützer auf und bleiben bis zum Schluss. Das kann auch negative Folgen haben, wenn die Pflegefachperson beispielsweise nicht mehr an den Patienten kommt. Es gibt aber auch Tiere, die weggehen, sobald sie keine Möglichkeit mehr haben, mit dem Sterbenden in Kontakt zu treten.»

Einsatz in der Spitex?
Und wie könnten Spitex-Fachpersonen Tiere in einen Sterbeprozess einbinden? «Indem sie im Haushalt lebende Tiere nicht ‘wegorganisieren’, sondern integrieren oder gar ihre eigenen Tiere in ihre Arbeit einbinden», erklärt Michaela Thönnes. Die Soziologin sieht auch Möglichkeiten in der informellen Zusammenarbeit mit Freiwilligen, auf jeden Fall solle man nutzen, was vorhanden ist: «Jede Fachperson in der medizinischen Versorgung kann sich überlegen, wie sie selber Tiere in die Sterbebegleitung einbinden kann.» Dafür empfiehlt die Soziologin den Spitex-Mitarbeitenden auch Gespräche am runden Tisch, den das Thema Tiere in der Palliative Care ist sehr polarisierend und hochemotional: «So erfährt man von einzelnen Mitarbeitern, was sie unter einer ‘guten’ Palliative Care verstehen und zugleich ermöglicht es einem selber, in eine andere Richtung zu denken.»

Spitex-Mitarbeitende, welche eine realisierbare Möglichkeit sehen, Tiere in ihre Arbeit miteinzubeziehen, könnten dabei wissenschaftsbasiert unterstützt werden.

Online-Umfrage: Tiere in der Palliative Care
Die Online-Umfrage widmet sich dem Einsatz von Tieren in der Begleitung von sterbenden Menschen. Es geht um Erfahrungen und Einstellungen gegenüber Tieren in der Palliativversorgung und Sterbebegleitung. An dieser Befragung kann auch teilnehmen, wer bisher noch keine Erfahrung mit Tieren in der Sterbebegleitung oder der Pflege von Sterbenden gemacht hat. Die im Fragebogen gewonnenen Daten werden nach den gesetzlichen Datenschutzbestimmungen erfasst und anonymisiert ausgewertet. Die Online-Befragung dauert ca. 30 Minuten.

http://www.suz.uzh.ch/thoennes