Zuhause alt zu werden ist ein Risiko, das sich lohnt

Eine kürzliche erschienene Studie zeigt einen der Gründe auf, warum betagte Menschen unbedingt zu Hause leben möchten, trotz der zahlreichen Risiken, die das mit sich bringt. Maria-Grazia Bedin und Marion Droz Mendelzweig haben an der Studie mitgearbeitet. Die Forscherinnen und Dozentinnen der Fachhochschule Gesundheit La Source erklären ihre Untersuchung, die den Bereich der Hilfe und Pflege zu Hause direkt betrifft.

 

Spitexmagazin: Die Studie, für die sie mit der Waadtländer Spitexorganisation AVASAD zusammengearbeitet haben und die von der Fondation Leenaards unterstützt wurde, erschien Anfang 2017 in der Zeitschrift Gérontologie und Société. Warum interessierte sie die Risikobereitschaft von älteren Menschen, die zu Hause leben?

Maria-Grazia Bedin: Viele Gesundheitsfachpersonen stellen fest, dass diese Risikobereitschaft bei älteren Menschen vorhanden ist, wenn sie nach einem Spitalaufenthalt nach Hause zurückkehren. Auch wenn sie geschwächt sind, bestehen sie darauf, dass sie wie gewohnt weiterleben können, auch wenn das gefährlich sein kann, etwa weil sie stürzen oder dass sie sich weh tun, wenn sie weiterhin selber kochen oder bügeln. Eine erste Untersuchung von uns hatte ergeben, dass die Gefahren von Fachpersonen, dem Umfeld und den Patienten unterschiedlich gesehen werden und alle ihre jeweils eigenen Kriterien benutzen, um deren Bedeutung einzuschätzen. Unsere neue Publikation stützt sich daher zum Teil auf diese Schlussfolgerungen, wenn wir versuchen zu verstehen, warum betagte Menschen zu Hause ihre Gewohnheiten oder gewisse Verhaltensweisen behalten, obwohl sie eine Gefahr darstellen.

Marion Droz Mendelzweig: Wir konnten feststellen, dass es den betagten Menschen bewusst ist, dass sie ein Risiko eingehen. Manche Senioren lehnen die Hilfe von Angehörigen oder Fachpersonen ab und begeben sich bewusst in Gefahr. Indem sie jedoch trotz der Risiken ihre Gewohnheiten beibehalten, können sie sich selbst treu bleiben, sie behalten ihre Autonomie und ihre Bezugspunkte und halten so das Bild aufrecht, dass sie von sich haben. Die älteren Menschen gehen lieber ein Risiko ein, als dass sie ihre Würde aufgeben. Das ist die Hauptaussage unseres Artikels „Leben und alt werden zu Hause: Zwischen Lebensgefahren und existenziellen Bedrohungen“ (Vivre et vieillir à domicile, entre risques vitaux et menaces existentielles)

Können Sie den Begriff „existenzielle Bedrohungen“ etwas präzisieren?

Marion Dorz Mendelzweig: Er meint die Bedrohung, dass man nicht mehr sich selber sein kann, weil die Alterung fortschreitet. Es gibt die Notwendigkeit einer biografischen Kohärenz, das heisst vor allem, dass man seine Gewohnheiten beibehalten kann. Seine Würde und seine Selbstbestimmung zu behalten erlaubt es einem, diese existenziellen Bedrohungen von sich fern zu halten, diese Bedrohung, dass man sich selber nicht mehr treu sein kann, weil das Alter einen schwächt. Der betagte Mensch ist ständig daran, mit den täglichen Risiken, die seine Gesundheit gefährden, umzugehen, und das, was seine Gewohnheiten, seine Würde und seine Freiheit bedroht, fern zu halten, auch wenn das zunehmende Schmerzen oder Erschöpfung zur Folge hat. Für den betagten Menschen ist es die Hauptmotivation und der Motor für seine Handlungen, dass es ihm gelingt, diese existenzielle Bedrohung von sich fern zu halten.

Für Ihre Untersuchung haben sie zwanzig Menschen getroffen, die über achtzig sind und alleine zu Hause leben. Gab es unter ihnen ein konkretes Beispiel dafür, dass jemand ein lebensgefährliches Risiko auf sich nimmt, um diese existenzielle Bedrohung fernzuhalten?

Maria-Grazia Bedin: Es gibt verschiedene Formen, wie die älteren Menschen dieses Risiko auf sich nehmen. Eine betagte Dame etwa nimmt immer eine Abkürzung, um ins Pflegeheim zu gehen, wo sie jeweils zu Mittag isst. Sie erzählte, dass sie sich jedes Mal frage: „Bin ich heute genug in Form, um die Abkürzung zu nehmen?“ Sie riskiert zu stürzen, auszurutschen, aber wenn sie auf die Abkürzung verzichtet und einen anderen Weg nimmt, wäre das ein Zeichen dafür, dass sie alt wird und dazu nicht mehr in der Lage ist. Für die befragten Menschen ist der Tod eine allgegenwärtige Realität. Risiken auf sich zu nehmen, um seine Gewohnheiten zu behalten, bedeutet, der existenziellen Bedrohung so wenig wie möglich nachzugeben, um bis zum Schluss die gleiche Person zu bleiben.

Marion Droz Mendelzweig: Risiken einzugehen kann für die Betagten auch ein Mittel sein, um mit Vorurteilen umzugehen, die mit ihnen in Verbindung gebracht werden. Das ist der Fall bei einem alten Mann, der unbedingt selber seine Kleider waschen und bügeln will. Er sagte, dass er nach jedem Hemd, das er gebügelt hat, absitzen muss, um sich zu erholen. Sein Umfeld hatte ihn von einem betagten Herrn erzählt, dessen Hemd immer schmutzig war. Für ihn wurde das zum abstossenden Bild eines Mannes, der er nicht werden wollte, trotz der körperlichen Schmerzen, die jede seiner alltäglichen Aktivitäten mit sich brachte. Bei unseren Interviews mit den Senioren, die keine kognitiven Einschränkungen haben, haben wir schnell festgestellt, dass die älteren Menschen eine enorme Kraft mobilisieren, um Gefahren zu überwinden und ihre Würde und ihre Freiheit zu sichern.

Bedeutet das für das Personal der Spitex, dass es nicht automatisch die Wohnungen der Senioren sicherer machen soll? Was raten sie?

Maria-Grazia Bedin: Zunächst möchten wir festhalten, dass sich das Spitexpersonal heute sehr bewusst ist, dass die betagten Menschen ihre Autonomie behalten möchten. Diesen Wunsch zu respektieren und es zu vermeiden, eine pfannenfertige Lösung aufzudrängen, erlaubt es den Menschen, über ihren Alltag selber zu bestimmen. Eine betagte Dame hatte grosse Mühe mit dem Gehen, aber sie weigerte sich, einen Rollator zu benutzen. Diese Weigerung kann vom Umfeld oder von den Fachpersonen auf den ersten Blick als mangelnde Einsicht oder gar ein psychisches Problem interpretiert werden. Aber sie kann auch als Versuch gesehen werden, seine Würde zu aufrechtzuerhalten, auch wenn das gefährlich ist. Die Dame hat etwas später selber entschieden, eine Gehhilfe zu benutzen. Die Lösung wurde ihr nicht aufgezwungen und sie konnte die Meisterin der Situation bleiben und ihrem eigenen Willen entsprechend handeln: Ein Risiko einzugehen und Hilfe abzulehnen bedeutete hier auch, seinen Willen auszudrücken, zu zeigen, dass man selber bestimmt.

Marion Droz Mendelzweig: Zu Hause wenden die älteren Menschen manchmal Strategien an, die in den Augen einer Fachperson unsinnig oder gar gefährlich zu sein scheinen. Zum Beispiel hatte eine Dame die Möbel in ihrer Wohnung seltsam hingestellt. Sie hätte leicht stolpern oder sich an ihnen stossen können. Aber für sie ging es darum, dass sie so immer eine Möglichkeit hatte, um sich festzuhalten. Sie konnte sich so in ihrer Wohnung bewegen, ohne zu stürzen. Es ist also wichtig, sich die Zeit zu nehmen, mit den Leuten zu reden und sie im Alltag zu beobachten, damit man die Zwickmühle begreift zwischen dem In-Kauf-Nehmen einer Gefahr und dem einem potenziellen Verlust an Würde. In diesem Beispiel hätte es nichts gebracht, die Hindernisse aus dem Weg zu räumen, indem man die Möbel umstellt, denn so hätte man gegen den Willen und gegen die von der Patientin benutzte Strategie gehandelt.

Das Zuhause spielt eine wichtige Rolle: Es ist der Ort, wo die Risiken eingegangen werden. Wie definieren sie das Zuhause und welche Rolle spielt es bei diesem Kampf gegen die existenziellen Bedrohungen?

Maria-Grazia Bedin: Für mich ist das Zuhause auch eine Frage der Identität. Sich zuhause fühlen, das bedeutet auch, anzuerkennen, dass Orte Teil des Lebens, der Biografie sind. Aber das Zuhause hat auch seine Erweiterungen. Das kann das Café an der Ecke sein, das Quartier, das Altersheim nebenan, wo man zu Abend isst. Diese Erweiterungen erlauben den notwendigen Kontakt mit der Aussenwelt, damit man seine eigene Situation relativieren kann. Erinnern Sie sich an den Herrn, der seine Hemden selber bügelt, um nicht seinem Nachbarn zu gleichen. Oder die Dame, die die Abkürzung nimmt, wenn sie sich dazu im Stand fühlt. Wenn die Mobilität zu stark eingeschränkt ist, wird das Zuhause zum Ort, in welchen die betagte Person die Aussenwelt hineinlässt, durch Besuche von Angehörigen zum Beispiel.

Marion Droz Mendelzweig: Das Bild, dass die Menschen von den Alters- und Pflegeheimen haben, macht das Zuhause in den Augen der betagten Menschen umso wichtiger. Es gibt viele Vorurteile über die Alters- und Pflegeheime. Die Senioren sehen sie als „Sterbehäuser“, die nur für stark pflegebedürftige Menschen gedacht sind. Zusätzlich sehen sie in ihnen einen Ort, wo man sie ihrer Mittel berauben wird. Das äusserst negative Image, das Pflegeheime haben, stellt für die existenziellen Bedürfnisse der betagten Menschen eine echte Bedrohung dar und sie nehmen lieber das Risiko auf sich, zu Hause alt zu werden. Zu Hause alt werden stellt also ein Risiko dar, das es wert ist einzugehen. 

Gemäss Ihres Artikels stellt sich auch eine „Komplizenschaft“ mit sich selber ein. Die betagten Menschen werden zu Experten für ihr Wohlergehen. Dieses Fachwissen dürfe auf keinen Fall nicht übergangen werden.

Maria-Grazia Bedin: Mit dem Alter braucht alles mehr Zeit. Jede Handlung muss genau kalkuliert werden. Und selbstverständlich wird nichts willkürlich gemacht und keine Gefahr wird nicht in Betracht gezogen. Es geht also darum, diese Verhaltensweisen genau zu beobachten, die von einer Pflegefachperson als gefährlich gesehen werden können, mit der betagten Person über sie zu reden, die Situation zu dokumentieren um – vielleicht – schliesslich nichts dagegen zu unternehmen. Denn die Senioren wissen, was sie brauchen und manchmal ist es notwendig, eine Risiko in Kauf zu nehmen. Viele Fachpersonen sind erstaunt, wenn sie sehen, wie stark sich die alten Menschen einsetzen und wie viele Ressourcen sie mobilisieren, um in ihrem Zuhause zu bleiben. Man muss aufmerksam sein und sich für die Strategien interessieren, die sie anwenden, um sie in ihrer Autonomie zu begleiten.

Marion Droz Mendelzweig: Wir haben auch festgestellt, dass die betagte Person mit sich selber spricht, machmal um sich Mut zu machen, manchmal um mit sich selber zu schimpfen. Bei diesem innerlichen Gespräch geht es nicht zwingend darum, sich herauszufordern, sondern mit sich zu verhandeln und am besten mit der Zwickmühle von Risiko und Bedrohung umzugehen. Wenn das Spitexpersonal die Zeit findet, dafür ein offenes Ohr zu haben, können vielleicht einfacher Lösungen gefunden werden um die Compliance zu erhöhen oder um die Ressourcen der Person zu mobilisieren. Man sollte sich also nicht nur mit dem RAI-Formular zufriedengeben, das der Logik der Versicherungen folgt, während das dringende Bedürfnis einer alten Person manchmal darin besteht, ein Risiko einzugehen.

Pierre Gumy

Kurzbiografie
Maria-Grazia Bedin ist Pflegefachfrau und arbeitete am HUG und anschliessend als Forschungsassistentin in Quebec. Dort schloss sie einen Master in Pflegewissenschaft ab und wurde Dozentin und anschliessend assoziierte Professorin an der Fachhochschule Gesundheit La Source in Lausanne. Sie ist Mitglied der Abteilung Lehre und Forschung Alter und Gesundheit.

Marion Droz Mendelzweig ist ordentliche Professorin an der Fachhochschule La Source und Leiterin der Abteilung Lehre und Forschung Alter und Gesundheit. Sie studierte Ethnologie und Anthropologie an der Universität Neuenburg. 2008 doktorierte sie an der Universität Lausanne.

Die Studie
Die Studie wurde am Institut und Fachhochschule Gesundheit La Source in Lausanne von drei Forscherinnen durchgeführt: Catherine Piguet, Dr. in Erziehungswissenschaft und Public Health, Marion Droz Mendelzweig, Dr. in Anthropologie und Maria Grazia Bedin, Master in Pflegewissenschaft. Der Artikel stützt sich auf 20 Interviews mit über 80-jährigen Menschen aus dem Kanton Waadt, die nicht an kognitiven Einschränkungen leiden und Hilfe und Pflege durch die Spitex erhalten. Die Studie wurde von der Fondation Leenaards finanziell unterstützt. Die Waadtländer Spitexorganisation AVASAD unterstützte die Studie bei der Suche nach freiwilligen Studienteilnehmenden aus den Regionen Lausanne und Broye. Der Artikel „Vivre et vieillir à domicile, entre risques vitaux et menaces existentielles“ erschient in der Fachzeitschrift „Gérontologie et Société“ (2017/1, vol. 39 / n° 152)

Fachpersonen denken stets an Sicherheit
Risiken objektiv einzuschätzen, ist immer problematisch. Ältere Menschen schätzen Risiken zu Hause anders ein als professionelle Fachpersonen oder Angehörige. Für den älteren Menschen wird die Bedeutung der Risikobereitschaft relativiert, wenn er einer Bedrohung «existenzieller» Natur ausgesetzt ist, d. h. seine Würde, Selbstbestimmung oder Biografie infrage gestellt werden. Ärzte und Fachpersonen stellen stets die Sicherheit in den Vordergrund. Senioren im Haushalt sind sehr kreativ und fleissig im Entwickeln von Strategien, um trotz der Risiken des täglichen Lebens ihre Würde und Unabhängigkeit zu bewahren. Diese Strategien sind persönlich und massgeschneidert und entsprechen einem echten Bedürfnis. Um ältere Menschen in ihrer Selbstständigkeit zu begleiten, sollten Pflegekräfte diese Strategien kennen und wertschätzen. In ihrem «Zuhause» ist jede ältere Person auf ihre eigene Art und Weise auf sich selbst ­gerichtet. Auf das, was sie im Hier und Jetzt braucht und wie das erreicht werden kann. Ausserhalb der Besuche der Spitex muss sie ­ihren Alltag selbstständig meistern. Ihr Zuhause ist daher der beste Ort, um ihre Bedürfnisse und ihre Risikobereitschaft zu beobachten.