Gemeinsam für ein besseres Hören sorgen

Pflegefachpersonen kommen in ihrem Alltag oft mit Menschen mit Hörminderung in Kontakt – und dementsprechend auch mit Hörgeräten. Oft bestehen diesbezüglich aber Berührungsängste. Das Hörakustikunternehmen Neuroth, Premiumpartner von Spitex Schweiz, bietet darum per sofort Hörgeräte-Kurse für alle Spitex-Organisationen an. Die Redaktion besuchte einen der ersten Kurse in Stans NW und lernte dort beispielsweise, was ein roter Punkt auf einem Hörgerät bedeutet – und dass die winzigen Helfer im Ohr nicht so fragil sind wie ein kleines Insekt.

Äusserst sorgfältig halten die Pflegefachpersonen die Winzlinge in ihren Händen, berühren sie nur sachte mit den Fingerspitzen – fast scheint es, als hätten sie irgendwo verletzte Schmetterlinge aufgelesen. Die kleinen Dinge in ihren Händen sind aber Hörgeräte, und im Kurs im vergangenen Dezember lernen die zehn Mitarbeiterinnen der Spitex Nidwalden, wie man die kleinen Wunderwerke der Technik ohne Berührungsängste bedient und reinigt. Durchgeführt wird der Kurs von zwei Mitarbeiterinnen von Neuroth, dem Premiumpartner von Spitex Schweiz. Die Schulungen in Stans NW sind ein Pilotprojekt: Per sofort können alle interessierten Spitex-Basisorganisationen das kostenlose Angebot in Anspruch nehmen. Doch mehr dazu später.

Leere Batterien hüpfen

«Wichtig ist, dass dies eine interaktive Schulung ist: Stellen Sie also ruhig Fragen und erzählen Sie von Ihren Erfahrungen mit Hörgeräten im Pflegealltag», sagt Sandra Käslin, die seit rund fünf Jahren als Hörgeräteakustikerin bei Neuroth arbeitet und den Kurs gemeinsam mit Verkaufs­assistentin Sarah Rohrer leitet. Versagt ein Hörgerät seinen Dienst, ist das Problem laut Sandra Käslin in 90 Prozent der Fälle in Windeseile zu beheben. «Oft sind ganz einfach die Batterien leer», erklärt die 31-Jährige. Und ob eine Batterie leer ist, lässt sich zum Beispiel ermitteln, indem man mit ihr macht, was man mit einem Schmetterling nun wirklich nicht tun sollte: Man lässt sie auf einen Tisch fallen. «Bleibt die Batterie liegen, ist sie voll. Hüpft sie, ist sie hohl und entsprechend leer.».

Will man eine neue Batterie zum Einsatz bringen, muss man deren Abziehfolie entfernen und die Batterie daraufhin mindestens drei Minuten liegenlassen, damit sich die enthaltene Flüssigkeit mit Sauerstoff verbinden kann. Gibt das Gerät nach dem Einschalten trotz voller Batterie keinen Ton von sich, ist es meist mit Ohrenschmalz oder Kondenswasser verstopft. «In den meisten Fällen genügt es dann, den Schallaustritt mit einem Tüchlein zu reinigen», sagt Sandra Käslin. Ist je-doch der Schallschlauch verstopft, gilt es diesen vom Gerät zu trennen und ihn zu reinigen. Hierfür reicht oft ein Tuch, das mit einem Desinfektionsmittel befeuchtet wird. Andernfalls können etwa spezielle Reinigungskapseln oder ein «Puster» zum Einsatz kommen. «Einfach nicht den Schlauch am Hörgerät lassen und das Wasser ins Gerät hinein pusten», mahnt Käslin lächelnd.

Geräte sind kaum mehr sichtbar

Dann schiebt die Neuroth-Expertin eine ansehnliche Auswahl an unterschiedlichsten Hörgeräten ins Sichtfeld der Kurteilnehmerinnen. Ja, die Hörgeräte von heute haben sich weit entfernt von den klobigen Hörrohren der fernen Vergangenheit. Im Falle von leichteren Hörbeeinträchtigungen können heutzutage gar Geräte zum Einsatz kommen, die komplett im Gehörgang verschwinden – diese CIC-Hörgeräte (kurz für «Completely-In-Canal») erinnern an den «Knopf im Ohr», welchen verdeckte Ermittler in Hollywood-Filmen zu tragen pflegen.

«Funktioniert ein CIC-Hörgerät nicht, sind vielleicht dessen Filter mit Ohrenschmalz verstopft. Meist reicht es auch hier, wenn man das Gerät mit einem Tuch abwischt», erklärt Sandra Käslin und demonstriert dies zugleich. Im Falle von hartnäckigeren Verunreinigungen dürfe auch sachte ein Zahnstocher zu Hilfe genommen werden. «Wenn die Verstopfung aber besonders hartnäckig ist, dann kommt man besser in unserem Hörcenter vorbei», ergänzt die Expertin. Hier können die Ohrpassstücke im Ultraschallbad gereinigt werden. «Und wenn Sie unsicher sind, dürfen Sie auch immer gern bei uns anrufen», versichert Sandra Käslin.

Ein Apéro führte zu den Kursen

Dass die Hörgeräte-Kurse in Stans als Pilotprojekt durchgeführt werden, ist dem Zusammentreffen zweier Fachfrauen zu verdanken: Als im Dezember 2017 das Neuroth-Hörcenter im Nidwaldner Hauptort feierlich eröffnet wurde, traf Hörgeräteakustikerin Sandra Käslin beim Apéro auf Esther Christen, Bereichsleitung Pflege bei der Spitex Nidwalden. Das Duo diskutierte über die verbreiteten Berührungsängste von Pflegefachpersonen in Bezug auf Hörgeräte – und beschloss kurzerhand, diesen Ängsten den Kampf anzusagen. Sie planten zwei Kurse im Oktober 2018, was allerdings nicht ausreichte. «80 Mitarbeitende meldeten sich an, weswegen wir vier Kurse organisieren mussten», erzählt Esther Christen. «Dieses grosse Interesse hätte ich nicht erwartet, es freut mich aber natürlich.» Einerseits würden die Spitex-Mitarbeitenden nun die Stanser Neuroth-Mitarbeitenden kennen und folglich wissen, wen sie bei Fragen rund ums Hören jederzeit anrufen können. «Andererseits trägt das im Kurs erlangte Wissen zur fachlichen Professionalität der Spitex Nidwalden bei», fügt Esther Christen an. Sie freue sich darüber, dass die Pflegefachpersonen nun dem Wunsch der Klientinnen und Klienten entsprechen können, ihnen beim Handhaben ihrer Hörgeräte zu assistieren. «Das ist wichtig, denn diese Geräte sind zwar klein – ihre positive Wirkung auf die Lebensqualität ist aber umso grösser.»

Laut Guy Schleiniger, Geschäftsführer von Neuroth Schweiz, zeigen sich an den neuen Kursen die Vorteile der Premiumpartnerschaft zwischen der Nonprofit-Spitex und Neuroth. «Bei beiden Organisationen steht der Mensch im Zentrum», sagt er. «Durch unseren aktiven Austausch und gemeinsame Anlässe soll es gelingen, noch mehr Personen zu erreichen und ihnen ein besseres Leben zu ermöglichen.» Die Vision von Neuroth sei es, möglichst viele Spitex-Mitarbeitende in Bezug auf Hörbeeinträchtigungen und Hörgeräte zu schulen und Neuroth langfristig als diesbezüglichen Ansprechpartner zu etablieren. Spitex-Basisorganisationen, welche ebenfalls an einem kostenlosen Hörgeräte-Kurs interessiert sind, können sich an das Neuroth-Hörcenter in ihrer Region wenden (siehe Infokasten).

Keine Angst vor Hörgeräten

Mit leichtem Misstrauen beäugt derweil so manche Kursteilnehmerin in Stans, wie Sandra Käslin kleine Schläuche von Hörgeräten zieht oder mit einem Zahnstocher winzige Verunreinigungen aus Entlüftungslöchern entfernt. Ob denn da nichts kaputt gehe, fragen einige verblüfft. Natürlich müsse man Vorsicht walten lassen, erklärt die Akustikerin. «Aber diese Hörgeräte sind darauf ausgelegt, sechs bis acht Jahre zu halten und dabei acht Stunden täglich getragen zu werden. Da müssen sie einiges aushalten können.»

Das Thema «Berührungsängste in Bezug auf Hörgeräte abbauen» gilt indes nicht nur für die Pflegefachfrauen selbst. Sie können ihren Klientinnen und Klienten auch dabei helfen, sich zu überwinden und zum ersten Mal ein Hörgerät auszuprobieren. «Oft sind die Hemmungen oder Ängste gross, sich seine Hörminderung einzugestehen und etwas dagegen zu unternehmen», weiss Sandra Käslin. «Pflegefachpersonen können Hörprobleme erkennen und ihren Klienten raten, doch einmal bei uns vorbeizuschauen. Der Hörtest, die Beratung und das Ausprobieren eines Hörgeräts sind unverbindlich und kostenlos.» Zudem habe man für jeden Geldbeutel die passenden Hörgeräte im Angebot; der AHV-Tarif für zwei Geräte liege zum Beispiel bei rund 1250 Franken. «Jeder soll sich ein Hörgerät leisten können, denn ein vermindertes Hörvermögen beeinflusst das Leben stark negativ. Man versteht seine Mitmenschen nicht mehr und meidet darum oft Gesellschaft», sagt Sandra Käslin. «Zudem ist die Beeinträchtigung ein Sicherheitsrisiko, weil man zum Beispiel ein herannahendes Auto nicht hört.» Neuroth steht jedem neuen Hörgeräte-Besitzer zur Seite und führt ihn vertrauensvoll in die bessere Welt des Hörens ein. Denn die ersten Tage mit einem Hörgerät stellen oft eine Herausforderung dar: Vielleicht hat man zehn Jahre lang das Rauschen des Wasserhahns und das Ticken der Wanduhr nicht mehr gehört. Prasseln all diese Nebengeräusche plötzlich wieder auf einen ein, kann dies zur Überforderung führen. «Hier braucht man Geduld, denn das Gehirn muss wieder lernen, wichtige Geräusche aus all den unwichtigen herauszufiltern.»

Zufriedenheit am Kursende

Während des Kurses ist es allerdings nicht nötig, unwichtige Geräusche zu unterdrücken, denn die Anwesenden lauschen mucksmäuschenstill den Ausführungen der Spezialistinnen. Käslin weist beispielsweise darauf hin, dass das Hörgerät mit der roten Markierung ins rechte Ohr gehört («r zu r») und dasjenige mit der blauen ins linke. Einige Zuhörerinnen lachen, haben sie dies doch nicht gewusst – und jeweils versucht, sich aus der Form der Hörgeräte einen Reim darauf zu machen, welches Gerät denn nun in welches Ohr gehört.

Unter den Teilnehmerinnen befindet sich die 38-jährige Nadja Arnold, Pflegefachfrau HF und seit neun Jahren bei der Spitex Nidwalden tätig. «Ich habe viel Neues erfahren», sagt sie am Ende des 90-minütigen Kurses zufrieden. Vor allem habe sie gelernt, dass Hörgeräte eben nicht so zerbrechlich sind wie verletzte Schmetterlinge. «Der Kurs hat mir viel Sicherheit im Umgang mit Hörgeräten vermittelt», zieht sie Bilanz. «Die Teilnahme hat sich darum definitiv gelohnt.»

Kathrin Morf

www.neuroth.com

Neuroth, die Spitex-Kurse und das Informationsmaterial

Das Hörakustikunternehmen Neuroth hat sich in 110 Jahren vom kleinen österreichischen Familienbetrieb zum europaweit erfolgreichen Grossunternehmen entwickelt: Die Neuroth-Gruppe beschäftigt heute rund 1200 Mitarbeitende und betreibt rund 240 Filialen in sechs europäischen Ländern. Das Unternehmen ist Premiumpartner von Spitex Schweiz und setzt vornehmlich auf Hörgeräte von den Herstellern Phonak und Oticon. Es bietet aber auch andere Akustikprodukte an, zum Beispiel einen individuell angepassten Gehörschutz für jedermann, egal ob Konzerte zu laut sind oder ob der Lebenspartner schnarcht.

Spitex-Organisationen, die an der Durchführung eines Hörgeräte-Kurses für Ihre Mitarbeitenden interessiert sind, können sich per sofort an eines der über 60 Schweizer Neuroth-Hörcenter wenden, welche von Genf bis nach Landquart zu finden sind. Neuroth führt die Kurse kostenlos durch, die Spitex-Zuständigen müssen sich nur um die interne Ausschreibung kümmern. Das jeweils zuständige Hörcenter lässt sich im Internet finden unter: www.neuroth.ch/hoercenter.

Im Rahmen der Kurse wird den Teilnehmenden auch verschiedenes Informationsmaterial abgegeben: Eine Broschüre rund ums Thema «Pflege der Hörgeräte», eine Bestellliste für gängiges Hörgeräte-Zubehör sowie ein Anmeldeformular für Neuroth-Hausbesuche bei Klienten werden in Kürze erhältlich sein. All diese Unterlagen werden dann auch veröffentlicht unter www.spitex.ch.